Einleitung
Und es ist sein erstes NĂ€hprojekt ĂŒberhaupt! Das ist schon ziemlich ungewöhnlich. Denn fĂŒr einen AnfĂ€nger an der NĂ€hmaschine gibt es wahrlich einfachere Projekte, um sich mit der Materie vertraut zu machen und Erfahrung zu sammeln.
Doch Bernhard GĂ€de will es sich und seiner Freundin beweisen. Seiner Freundin? Genau, denn sie und ein gemeinsames Shopping-Erlebnis sind der Auslöser fĂŒr seinen verwegenen Einstieg in die NĂ€hwelt. Woher wir das wissen? Vom Schneidermeister höchst selbst. Denn seiner ausfĂŒhrlichen NĂ€hanleitung stellte Bernhard GĂ€de eine amĂŒsante Beschreibung voran, wie ihn eine Korsage dazu veranlasste, erst bei W6 eine NĂ€hmaschine zu kaufen, und sich dann in ein NĂ€habenteuer der besonderen Art zu stĂŒrzen. Doch lesen Sie selbst!

Einstellungen der NĂ€hmaschine
NĂ€hadeln: W6-Super Stretch 90.
Stichwahl & Nutzung:
- Geradstich, StichlÀnge 3 - 3,5
- VersÀubern / Abketteln: Abkettelstich.
- (ErlÀuterung unter Hilfe -> Maschinentyp -> Stichwahl & Nutzung)
Das benötigte Material
- Oberstoff nach Geschmack. Hier: roter Polyester-Satin.
- Fester, angenehm zu tragender Stoff fĂŒr das Futter und das Doppeln des Oberstoffes bevorzugt in Köperbindung. Hier: einfacher
- Baumwollstoff in Leinwandbindung.
- Spitzenstoff zur Verzierung.
- 10 mm breites Satinband (ca. 4 m).
- SatinschrÀgband zur Einfassung (ca. 3 m).
- 5 mm breite Spiralfeder (ca. 4 m), dazu 22 Endkappen.
- Ăsen mit Innendurchmesser 5 mm.
Abschnitt 1
Das Korsett - mein NĂ€hprojekt
Alles begann an einem wunderschönen Shoppingtag. Wunderschön zumindest fĂŒr meine Freundin. Bei mir mĂ€nnlichem Erdenbewohner war nach zwei (gefĂŒhlt acht) Stunden des stĂ€dtischen Herumrennens lĂ€ngst die Freude einer völligen Erschöpfung gewichen. SelbstverstĂ€ndlich lieĂ ich keine Gelegenheit aus, zu lamentieren und aller Welt mein groĂes Leid zu klagen.
SchlieĂlich griff meine Freundin zum letzten Mittel: UnterwĂ€scheabteilung. Plötzlich von neuen Geistern belebt, beschaute ich wohlwollend die dargeboten Waren. Besonders attraktiv erschien mir ein Dings, das die TrĂ€gerin in spe als Korsage identifizierte. Ebenso bewundernswert wie das Textil war jedoch auch dessen Preis, der jedenfalls bei Weitem nicht mehr als studentisch zu bezeichnen war. Da lieĂ ich mich zu einem verhĂ€ngnisvollen Spruch hinreiĂen: âFĂŒr den Fetzen Stoff mit drei NĂ€hten dran wollen die soÂŽn Haufen Geld?! Das krieg ja sogar ich noch hin!â
Das krieg ja sogar ich noch hin. Krieg ich das hin? Dem Ingenieur ist doch nichts zu schwör. Oder doch? Kurz, ich hatte Blut geleckt. Der Gedanke, eine hĂŒbsche kleine Korsage zu basteln - sicher gar nicht so schwer-, lieĂ mich nicht mehr los. Sehr gelegen kamen mir da die Weihnachtsferien, um an Mutters NĂ€hmaschine einen ersten Versuch zu wagen:
SelbstverstĂ€ndlich kein Meisterwerk! Und Personen, denen dieses Modell passen wĂŒrde, sind definitiv zu jung fĂŒr ein solches KleidungsstĂŒck. Aber dafĂŒr, dass ich ohne jede Vorkenntnis und mit einem nach meiner Vorstellung aufs Papier gekritzelten Schnittmuster ans Werk gegangen war, erschien mir das Resultat doch recht ermutigend. So ermutigend, dass ich nach einem Monat Bedenkzeit beschloss, mir an meinem Studienort eine NĂ€hmaschine zuzulegen. SelbstverstĂ€ndlich wĂ€re spĂ€testens ab diesem Zeitpunkt die gekaufte Korsage die gĂŒnstigere Alternative gewesen, aber jetzt wollte ich es eben wissen. GĂŒnstig sollte die Maschine natĂŒrlich sein, schlieĂlich war der Ausgang der ganzen Angelegenheit ungewiss. Andererseits wollte ich auch nicht am Material scheitern und mir Schrott einhandeln. Viele positive Bewertungen ĂŒberzeugten mich zum Kauf einer W6 N 1615, die mir wenig spĂ€ter von einem grinsenden Paketboten mit den Worten âViel SpaĂ beim Stricken!â geliefert wurde. Mein Hinweis an W6: Ein geschlechtsneutrales Design der Verpackung ist wĂŒnschenswert. Obwohl ich die Strickfunktion bis heute leider nicht aktivieren konnte, hat mich die Maschine nicht im Geringsten enttĂ€uscht.

Abschnitt 2
Die Beschreibung des Korsetts
NatĂŒrlich soll ein Korsett den Körper formen. Da die Idee zu diesem Exemplar aber aus einer Korsage hervorgegangen war, stand mehr die Optik als diese Funktion im Vordergrund. Eine besonders feste SchnĂŒrung fĂŒr eine Wespentaille ist daher nicht möglich, aber auch gar nicht beabsichtigt. Da Stoffe und NĂ€hte durch den permanenten Zug trotzdem stark beansprucht werden, ist das Korsett dennoch recht robust ausgelegt.
Das Korsett besteht aus zwei Lagen, dem Futter und dem Oberstoff, beide sind nach dem gleichen Schnittmuster genĂ€ht. Da der Oberstoff aus wenig belastbarem Polyestersatin besteht, wurden alle Oberstoffteile mit dem gleichen Stoff gedoppelt, aus dem auch das Futter gefertigt wurde. Dabei handelt es sich um einen einfachen weiĂen Baumwollstoff in Leinwandbindung, was sich wĂ€hrend des NĂ€hens als nicht optimal herausstellte. Empfehlenswerter wĂ€re ein gewebter Stoff mit sogenannter Köperbindung gewesen, da sich dieser den erforderlichen Kurven deutlich besser anpassen sollte.
Zur Verzierung ist zusÀtzlich auf die vier Vorderteile ein Spitzenstoff aufgenÀht.
Damit ein Korsett beim SchnĂŒren nicht in der Taille zusammengezogen wird, sondern auch eine gewisse stĂŒtzende Wirkung entfalten kann, werden StĂ€bchen eingearbeitet. Die Besonderheit bei diesem Korsett liegt darin, dass die StĂ€bchen genau zwischen den TeilungsnĂ€hten von Futter und Oberstoff liegen, wobei diese von einem kontrastfarbenen Satinband verdeckt werden. Die NĂ€hte, mit denen die BĂ€nder aufgenĂ€ht werden, bilden zugleich die Tunnel fĂŒr die StĂ€bchen.
Auf eine KorsettschlieĂe in der vorderen Mitte wurde verzichtet.
Der Entwurf des Schnittmusters
FĂŒr den Entwurf des Schnittmusters werden die Oberweite, das UnterbrustmaĂ, die gewĂŒnschte Taillenweite sowie die HĂŒftweite benötigt. Die Höhe der Taillenlinie misst man bequemer Weise von einem Bezugspunkt auf dem Korsett aus, z.B. ab dem gewĂŒnschten unteren Rand der vorderen Mitte.
FĂŒr die SchnĂŒrung muss ein Spalt von ca. 5 cm zwischen den beiden RĂŒckenhĂ€lften offen bleiben. Dieser Wert wird von den gemessenen Weiten abgezogen. Weil die linke und rechte KorsetthĂ€lfte spiegelsymmetrisch zueinander sind, muss das Schnittmuster nur fĂŒr eine HĂ€lfte entworfen werden. Die benötigten Weiten ohne den RĂŒckenschlitz teilt man durch zwei. Die daraus resultierenden MaĂe dienen von nun an als Referenz-GesamtmaĂe fĂŒr den Entwurf. Sie mĂŒssen unbedingt eingehalten werden, damit das Korsett nicht an einer Stelle vom Körper absteht oder in ihn einschneidet. Teilt man die MaĂe nun durch die Anzahl der Teile pro KorsetthĂ€lfte, erhĂ€lt man die MaĂe eines Referenzteiles. WĂŒrde man das Korsett aus zehn solcher gleichen Teile nĂ€hen, bekĂ€me es die (rotations-symmetrische) Form einer Sanduhr. Diese gilt es jetzt an die wahren Gegebenheiten anzupassen. SelbstverstĂ€ndlich muss die Weite, die an einem Teil hinzugefĂŒgt wird, von einem anderen abgezogen werden und andersherum, so dass die Gesamtweiten unverĂ€ndert bleiben. ZusĂ€tzlich mĂŒssen der Verlauf des oberen und des unteren Randes festgelegt werden.
Dabei ist zu beachten, dass die Kanten an der vorderen und hinteren Mitte gerade sein mĂŒssen. Ein relativ schmales, besonderes tailliertes Mittelteil lĂ€sst das Korsett enger gebunden erscheinen. Gerade, nach unten leicht zur Mitte laufende Kanten am Vorderteil wirken ebenfalls verschlankend. ĂberflĂŒssige Weite kann gut dem RĂŒckenteil zugerechnet werden. Bei der ganzen Verschieberei der MaĂe darf freilich das Mögliche nicht auĂer Acht gelassen werden. So kann zum Beispiel ein kleines BĂ€uchlein niemals zum Po verschoben werden.
Nach dem Entwurf wird ein erstes TeststĂŒck aus billigem Stoff genĂ€ht und das Schnittmuster anhand der dadurch gewonnenen Erkenntnisse verbessert.

Abschnitt 3
Der Zuschnitt
Nach dem Schnittmuster werden nun mit 1,5 cm Nahtzugabe fĂŒr die SeitennĂ€hte â an Ober- und Unterseite wird mit SchrĂ€gband versĂ€ubert, es wird dort also keine Zugabe benötigt â die folgenden Teile zugeschnitten:
- Aus Futterstoff: alle Teile, RĂŒckenteile mit ca. 5 cm Zugabe sowie neun 3 cm breite Streifen fĂŒr die Tunnel (LĂ€nge entsprechend der TeilungsnĂ€hte).
- Aus Oberstoff: alle Teile, RĂŒckenteile mit ca. 8 cm Zugabe.
- Aus Stoff zum Doppeln des Oberstoffs: alle Teile, RĂŒckenteile ohne Nahtzugabe.
- Aus Spitzenstoff: je zweimal das Vorderteil und das vordere Seitenteil.
Damit nichts ausfranst, ist es am besten, alle Teile, die nicht aus Futterstoff sind, sofort einzeln zu versÀubern.
Arbeitsschritt Nr. 1
ZunÀchst wird das Futter geheftet und zusammengenÀht.
Arbeitsschritt Nr. 2
AnschlieĂend werden die Nahtzugaben auseinandergebĂŒgelt und mit den Stoffstreifen fĂŒr die Tunnel mittels Federstich gleichzeitig ĂŒbernĂ€ht und versĂ€ubert. SpĂ€testens jetzt sollte man das Korsett anprobieren und den Sitz ĂŒberprĂŒfen. Auf Abbildung 3 ist das Futter noch ohne die aufgenĂ€hten Streifen zu sehen.

Abschnitt 4
Arbeitsschritt Nr. 3
Als nĂ€chstes werden die Oberstoffteile gedoppelt, das heiĂt auf die entsprechenden Teile aus dem dazu ausgesuchten Stoff aufgesteppt
Arbeitsschritt Nr. 4
Auf die Vorderseite und vorderen Seitenteile wird zusÀtzlich der Spitzenstoff mit einem Zickzack-Stich aufgenÀht.
Arbeitsschritt Nr. 5
Jetzt kann das Oberstoffkorsett genau wie das Futter zusammengenÀht werden.
Arbeitsschritt Nr. 6
Es folgt der schwierigste Schritt: Das AufnĂ€hen des Satinbandes, wodurch gleichzeitig die SeitennĂ€hte der Tunnel gebildet werden und das Futter mit dem Oberstoff verbunden wird. Abbildung 4 zeigt eine schematische Darstellung der einzelnen Lagen an einer StoĂnaht zweier Teile.
Das Satinband wird mit zwei NĂ€hten exakt mittig ĂŒber der StoĂnaht angebracht. Dadurch entsteht ein 10 mm breiter Tunnel zwischen dem Tunnelband und den Nahtzugaben des Futters, in den ein 5 mm breites KorsettstĂ€bchen eingeschoben werden kann.
Dabei ist es wichtig, mit einer dĂŒnnen Nadel knapp am Rand auf den Webkanten zu steppen, damit der Tunnel breit genug bleibt. Dies wird dadurch erschwert, dass die BĂ€nder sehr flexibel sind. Selbst wenn man das Satinband durch die StoĂnĂ€hte von Futter und Oberstoff mit einem engen Stich aufheftet, verschiebt es sich trotzdem unter dem NĂ€hfuĂ und bildet unschöne Schlangenlinien. Um dies zu verhindern, ist es ungemein hilfreich, die BĂ€nder mit stark festigender WĂ€schestĂ€rke zu behandeln. Reicht das allein nicht aus, die BĂ€nder deutlich zu versteifen, kann man zur StĂ€rkelösung auch noch ein wenig Zucker geben. Die so behandelten BĂ€nder sollten sich nun problemlos und gerade aufnĂ€hen lassen.
Auf Abbildung 5 ist die Kante eines RĂŒckenteiles mit den Ăsen zu sehen, wĂ€hrend Abbildung 6 den Lagenaufbau an der gleichen Stelle zeigt. Die Reihe der Ăsen wird rechts und links von zwei StĂ€bchen gerahmt.
Dadurch bleibt die RĂŒckenkante auch bei festerem SchnĂŒren gerade. Die Tunnel werden aus der verlĂ€ngerten Zugabe des Futters gebildet.

Abschnitt 5
Arbeitsschritt Nr. 7
Diese Zugabe des Futters wird dazu nach innen umgeklappt (vergleiche Abbildung 6) und 9 mm von der Bruchkante abgesteppt. AuĂerdem wird der Oberstoff doppelt eingeschlagen, so dass er als Blende auf dem Futter liegt. Sollte das Korsett an der SchnĂŒrung leicht aufklaffen, sieht man nicht das Futter, sondern den schöneren Oberstoff.
Arbeitsschritt Nr. 8
Mit dem AufnĂ€hen eines Satinstreifens in 3,5 cm Abstand zur Kante wird nun sowohl diese Blende befestigt als auch der Tunnel (zwischen dem dort doppelt liegenden Futter) fĂŒr das zweite StĂ€bchen gebildet. Damit dies gelingt, muss man zuvor unbedingt sauber bĂŒgeln und heften, so dass beim NĂ€hen nichts verrutschen kann.


Abschnitt 6
Arbeitsschritt Nr. 9
Nun werden die Spiralfedern auf die LÀnge des jeweiligen Tunnels minus ca. 2,5 cm zugeschnitten und mit Endkappen versehen. Die Enden sollte man zusÀtzlich noch in Lack tauchen, damit sie nicht rosten können. Die StÀbchen sollten sich nun ohne Gewaltanwendung in die Tunnel schieben lassen, ist dem nicht der Fall, muss nachgearbeitet werden.
Arbeitsschritt Nr. 10
Sind alle StĂ€bchen am Platz, werden die Kanten des Korsetts mit einem umlaufenden SchrĂ€gband versĂ€ubert. Es empfiehlt sich hier ausdrĂŒcklich nicht, ein 20 mm (angenĂ€ht 10 mm) breites SchrĂ€gband zu verwenden, wie ich es versuchte. Besser ist ein 30 mm breites SchrĂ€gband. Denn weil die StĂ€bchen an den RĂŒckenkanten unter dem SchrĂ€gband liegen, ist es unmöglich, das 10 mm breite SchrĂ€gband sauber anzunĂ€hen. Es funktioniert nur unter viel Ziehen und Zerren. NatĂŒrlich könnte man den Tunnel fĂŒr das StĂ€bchen nicht unter, sondern neben das SchrĂ€gband legen. Allerdings finde ich die erste Lösung optisch schöner, und mit einem breiteren Band sollte sie auch problemlos durchfĂŒhrbar sein.
Damit sind die NĂ€harbeiten am Korsett abgeschlossen
Arbeitsschritt Nr. 11
Der letzte Schritt ist das Einschlagen der Ăsen fĂŒr die SchnĂŒrung. Dazu werden Ăsen mit einem Innendurchmesser von 5 mm und Scheiben auf der RĂŒckseite verwendet. Sie sollten in einem Abstand von ca. 25 mm gesetzt werden, an der Taille etwas dichter. Das Setzen der Löcher wird dadurch erschwert, dass der Stoff an dieser Stelle sehr dick gepackt ist (vergleiche Abbildung 6). Ganz leicht und sauber lĂ€sst sich diese Arbeit mit einem Locheisen aus dem Eisenwarenhandel (kostet ca. drei Euro), einem Hammer sowie einem alten Buch als Unterlage erledigen. Zusammengepresst werden die Ăsen mit dem meist beiliegenden Werkzeug oder einer speziellen Ăsenzange.
Fertig
Viel Spaà beim NachnÀhen




